Liebe Mutti, ich danke dir, ich entschuldige dich, ich bitte dich um Entschuldigung.
Liebe Mutti, nun bist du den Schritt gegangen, vor dem du zum Teil Angst hattest, du hast diese Leibliche Welt verlassen, hast dich von deinem Leiblichen Körper befreit, und machst sicher jetzt spannende neue Erfahrungen. Oder zu mindest so glaube ich es.
Ich hatte das Glück, noch am Tag vor deinem Abschied mit dir zu sprechen, meine Worte hast du nur zum Teil verstanden, aber wir waren uns einig, dass wir uns sehr lieb haben. Nach unserem Gespräch schrieb ich in mein Tagebuch, ich würde versuchen dir mehr zu schreiben, um die Zeit zu nutzen wo du noch ein gutes Bewusstsein geniesst. Das habe ich glaube ich am Tag deiner Abreise geschrieben, ich schätze ein Paar Stunden vorher. Und da ich auch gerade verreist war, erfuhr ich über deinen überraschenden Abschied erst am nächsten Tag. Ich bekam die Nachricht als erstes über ganz liebe Emails von Karina, Leonor, Joaquín. Und ich habe mich gefreut, dass ich mich noch kurz davor von dir verabschieden konnte, obwohl ich nicht in dem Moment wusste, dass es ein Abschied für so lage Zeit sein würde.
Und sehr bald war mir unter Anderem klar, dass ich dir in meinem Tagebuch, oder in diesem Blog weiter schreiben würde. In meinem Tagebuch nur für mich, oder für uns beide, und in diesem Blog, um es mit unseren Lieben teilen zu können. Ich bin davon überzeugt, dass du heute viel bewusster als vorher bist.
Und hier mein erster Versuch auf dem Blog, der schon sein einiger Zeit brach liegt. Vielleicht ist es der einzige Versuch, vielleicht will ich dir später auch mehr schreiben.
Ich danke dir... so viele Sachen habe ich dir zu danken. Ich habe vieles von dir gelernt. Ich habe gelernt sparsam zu sein, und das was man hat zu schätzen, dafür danke ich dir. Ich danke dir dafür, dass du es immer mit mir sehr gut gemeint hast, als du mich immer wieder dazu gebracht hast Mittag zu schlafen. Heute kann ich sagen, ich habe damals genügend Mittag geschlafen für mein ganzes restliches Leben, heute schlafe ich nicht mehr Mittag. Ganz lieben Dank dafür.
Ich entschuldige dich, dafür dass du manchmal eine etwas überweltigende Art hattest. Ich weiss nicht genau, wie ich es hier beschreiben soll. Du bist manchmal etwas dominant gewesen, ich denke du hast es wohl immer gut gemeint, oder es hat wohl immer seinen Grund gehabt. Aber manchmal ging es mir auf den Wecker, und dann suchte ich die Ferne. Aber ich entschuldige dich dafür, weil ich heite zuversichtlich bin, dass du es gut gemeint hast, oder eventuell aus innerer Angst oder Mangel an Vertrauen so gehandelt hast. Heute hast du sicher das Vertrauen gefunden, dass wir alle unseren eigenen Weg gehen, und dieser der richtige ist, für jeden einzelnen von uns.
Ich bitte dich um Entschuldigung dafür, dass ich als Teil meines erwachsen Werdens, und meines selbständig Werdens mich zum Teil von dir distanziert habe. Als kleiner Junge, und auch als etwas grösserer Junge habe ich immer alles gemacht was du gesagt hast, und geglaubt was du gesagt hast, ich habe es nie hinterfragt. Später, als ich lernte mehr auf mich zu hören, musste ich dabei auch lernen weniger auf dich zu hören, und dadurch kam eine natürliche Distanzierung. Es kann sein, dass das während deinem Leiblichen Leben für dich etwas schwer zu verstehen oder zu akzeptieren war, ich bin zuversichtliche, dass du mich heute vollkommen verstehen kannst.
Ich danke dir, dass du uns immer wieder geldlich unterstützt hast, besinders wenn es um Ausbildung gegangen ist.
Ich entschuldige dich, dass du manchmal deinen Kopf durchdrücken wolltest. Jeder hat seinen Kopf, und hat mehr oder weniger Mühe das Gleichgewicht zu finden zwischen machen und machen lassen. Jeder von uns ist immer wieder auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Freiheit und Vertrauen auf der einen Seite, und Kontroller und Misstrauen auf der anderen Seite. Jeder von uns gibt mal einen Ratschlag, und vergisst wohl dabei "Ein Ratschlag ist auch ein Schlag". Jeder von ist auf der Suche nach seinem eigenen Selbstvertrauen, und sucht dabei das Gleichgewicht zwischen der eigenen innerer Stimme, und der Stimme der Mitmenschen. Oder hört garnicht mehr die eigene innere, vor lauter Stimmen von da draussen.
Ich danke dir, dass du uns ein Gefühl der grossen Familie gegeben hast. Dass du uns alle Primos einmal im Jahr fotografiert hast, und uns damit eine Art Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben hast.
Ich dane dir, dass wir in der Expo Loncoche jeder Tausend Pesos bekommen hat, um sich das zu kaufen was er/sie wollte. Ich weiss noch genau, dass ich damals nicht wusste was ich wollte, ich war einer der letzten die sich entschieden (heute fallen mir Entscheidungen etwas einfacher als damals). Ich habe mir damit einen Satz Schraubenzieher gekauft. Kann mich heute noch an das Foto erinnern wo ich es hochgehalten habe, natürlich mit der Abendsonne in die Augen, und irgendwelche Kopfbedeckung abgenommen, "damit man das Gesicht sehen kann ;-) ".
Ich danke dir für die unzähligen Reisen. Mit dir habe ich San Martin de los Andes kennengelernt, und den Lago Pirihueico. Als wir mal nach Puerto Fuy kamen, und kein Bus mehr fuhr an dem Abend, mussten wir irgendwo privat unterkommen, sehr einfach, und mit Plumps Klo. Das sind Moment die mir für immer bleiben. In den Reisen habe ich etwas an Verantwortung gelernt (damals nicht gerade meine Stärke), und Selbstvertrauen. Jeder musste seine Sachen in seinem selbst getragenen und gepackten Rucksack nehmen.
Die Reise Neugierigkeit ist heute weiterhin bestehen, und sie färbt schon auf meine heranwachsende Familie ab.
Ich danke dir für die vielen Erzählungen aus deiner Kindheit, Jugend, Krieg, Anfang in Chile usw. Dadurch wurde mir immer wieder bewusst, was für ein Glück ich habe, in dieser Zeit aufgewachsen zu sein. Ich habe bis jetzt keinen Krieg mitmachen müssen, ich durfte meinen Beruf frei wählen, ich kann mit einer unglaublichen Freiheit Reisen, kommunizieren, diesen Blog schreiben, alles Freiheiten die es nicht gab, als du mein jetziges Alter hattest.
Ich danke dir, dass ich von dir gelernt habe sparsam mit den Ressourcen umzugehen. Heute bin ich dabei zu lernen nicht nur sparsam zu sein, sondern die Ressourcen ins Fliessen zu bringen, und Vertrauen zu haben, dass sich das Leben in eine gute Richtung entwickelt. Das ist auch wieder eine Frage von Gleichgewicht.
Während ich schreibe kommen immer mehr Gedanken, anfangs kam nicht so viel zum Danken, jetzt kommt immer mehr. Für mich ist dieses Schreiben auch heilend, das verstehst du sicher auch gut.
Liebe Mutti, ich danke dir, dass du Cony wie eine weitere Enkeltochter aufgenommen hast, und du dich immer so interessiert hast für das Gedeihen unserer heranwachsender Familie.
Ich danke dir, dass du mir mal das Buch gegeben hast "Jesus vivió y murió en Cachemira". Das ist jetzt ca. 20 Jahre her. Das ist einer der ersten und wichtigsten Schritte zum hinterfragen der "algemeinen Wahrheiten". Heute sehe ich die Welt ganz anders, meinen grossen Streit mit Gott und der Kirche habe ich hinter mir, er wurde zT durch besagtes Buch ausgelöst. Heute empfinde ich eine unglaublich starke Verbindung zu Gott, zur Natur, zur Welt, zum Weltall, zu mir, zu meinem höheren Selbst. Heute sage ich, Gott ist überall, auch in jenem Baum den ich anblicke, auch in dir, auch in mir. Gott ist in dir, du bist Gott, Gott ist in mir, ich bin Gott, wir alle sind Teil Gottes, Gott ist wir, wir sind Gott. Ich bin Schauspieler im Spiel des Lebens. Und wenn ich will, bin ich auch Zuschauen, Regisseur und Kritiker. Ich spiele das Spiel, und wenn ich will kann ich es auch beobachten, auch schreiben, und beurteilen. Wenn ich will. Oder mache ich es bewusst oder unbewusst, egal ob ich will oder nicht?
Liebe Mutti, ich freue mich, dass ich über diesen Weg, und über mein Tagebuch einen Weg gefunden habe jene Gedanken und Gefühle auszudrücken die ich es verpasst habe während deinem Leiblichen Leben auszudrücken, entweder aus Zeitgründen, oder weil mir der Mut gefehlt hat.
Liebe Mutti, danke, dass du bei uns gewesen bist, dass wir kostbare gemeinsame Zeit verbringen durften. Lebe wohl in deinen neuen Abenteuern. Wir sehen uns sicher mal wieder, in einem Traum, in einem Gedanken, oder vielleicht wagst du ja dem Nächst noch einen Neu Anfang in dieser Welt.
Liebe Mutti, ich danke dir.
Danke - Danke - Danke
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PS: Lieber Leser dieses Eintrages, liebe Leserin dieses Eintrages, ich lade dich ein deine unausgesprochenen Worte die noch wünschen ausgesprochen zu werden hier nieder zu schreiben (als Kommentar) oder an einem anderen Ort. Mögen sie dir auch helfen unbeendete Themen zu beenden, sei es mit Danken, sei es mit Entschuldigen, sei es mit um Entschuldigung bitten. Mögest du einen mit Freude gefüllten Tag erleben.
Saturday, 9 January 2010
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